Die Salzburgerin Birgit Birnbacher hat den Bachmannpreis gewonnen. Ihr Siegertext erzählt von einer jungen Akademikerin, die als „Neue Selbständige“ an den Rand der Gesellschaft geraten ist. Ein Gespräch über die erschütternde Wirklichkeit der Welt und warum arm nicht gleich arm ist.

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Sie haben den Bachmannpreis gewonnen. Als Favoritin, sagen viele. Gibt es dort überhaupt so etwas wie einen Favoriten/eine Favoritin?

Wer sich entscheidet, am Bachmannlesen teilzunehmen, der weiß: Dort kann alles passieren. Und es ist ja auch alles schon passiert! Manche fixe Größe ist in Klagenfurt schon leer ausgegangen, andere haben überraschend oder zum Missfallen des Feuilletons gewonnen. Da spielen immer so viele Dinge mit hinein…

Was bedeutet es für Sie, den Preis gewonnen zu haben?

Früher dachte ich öfter beim Bachmannschauen: Jetzt tut doch nicht so überrascht, ihr nehmt doch schließlich teil, so abwegig ist ein Sieg doch nicht. Aber jetzt weiß ich, dass man so lange Zeit damit verbringt, sich gegen alles zu wappnen, was dort passieren könnte, dass man dann, wenn einem dort positive Kritik entgegenschlägt oder man sogar gewinnt, gar nicht so schnell switchen kann. Und ja, dieser Preis bedeutet etwas, ich hatte vorher eine Achtung vor ihm und behandle ihn jetzt mit einer gewissen Ehrfurcht. Es dauert eine ganze Weile, bis man kapiert, dass sie nicht mehr kommen und ihn mir wieder wegnehmen.

Ihr Beitrag, die Siegergeschichte, behandelt das Thema der „Neuen Selbständigen“. Wie beurteilen Sie deren soziale Stellung?

Es ärgert mich, dass es auf der tagespolitischen Bühne nicht mehr Gewicht bekommt. Literarisch hat mich besonders der Umstand interessiert, dass eben die „soziale Stellung“ der Neuen Selbstständigen so unterschiedlich auftritt: Der Multi-Media-Arts Student, der von Videokunst lebt, der Paketdienst, der das Amazon Packerl bringt, und der frisch Promovierte mit der befristeten Post-Doc-Stelle an der Uni. Mich interessiert weniger eine Beurteilung dieser Tatsachen, sondern vielmehr, was es bedeutet, wenn ein Arbeitssektor entsteht, der sich zu großen Teilen wohlfahrtsstaatlichen Prinzipien entzieht.

Sie haben selbst mal zu dieser Gruppe gehört, was sind Ihre Erfahrungen?

Ich gehöre immer noch zu dieser Gruppe, und so lange ich Schreiben als Beruf betreibe, wird sich das auch nicht ändern. Ich denke, es kommt immer darauf an, mit welchen Leuten man sich so umgibt. Wenn alle ähnlich leben, empfindet man die Tatsache, nicht zu wissen, wie man die nächste Miete bezahlen soll, nicht als prekär. In manchen Milieus gehört vielleicht sogar zum Lifestyle, wohingegen andere Menschen aus völlig anderen Milieus und mit vielleicht ähnlich begrenzten Mitteln längst in einer viel ernsteren Lage sind. Arm ist nicht gleich arm. Wenn hinter einem noch irgendwo eine Familie steht, Eltern, ein einflussreicher Onkel, ist arm sein etwas anderes als nicht zu wissen, wie man die Kinder versorgt.

Die Schaffung der Gruppe der Neuen Selbständigen wurde politisch immer als notwendiger Schritt verkauft. War es das? Andere wollen darin eher einen Beweis für die sukzessive Abschaffung des Sozialstaats sehen. Wie sehen sie das?

Aus meiner Sicht ist es beides. Die Anerkennung der Neuen Selbstständigen als Berufsgruppe ist notwendig geworden, weil die gesetzliche Lage die Neuen Selbstständigen hervorgebracht hat, und weil es eine Regelung für bestimmte Arbeitsbereiche, vor allem NiedrigverdienerInnen, gebraucht hat. Was fehlt, ist halt eine Vertretung für diese Berufsgruppe, eine leistbare Arbeitslosen-versicherung und ein Bewusstmachen der Tatsache, dass diese Menschen mit anderen im selben Boot sitzen. Wenn niemand sich zuständig fühlt und niemand sich als gemeinsam wahrnimmt, wird es so schnell keine Verbesserungen geben, die an gewerkschaftliche Errungenschaften erinnern könnten.

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, diese Bevölkerungsgruppe genießt sozial kaum Schutz, hat nur Verpflichtungen, und die einzigen, die von den gesetzlichen Regelungen profitieren, sind die Arbeitgeber, die billig an Leistung kommen?

Für manche mag das schon zutreffen, ich denke da an die Lieferanten oder Paketdienste. Aber man muss auch sehen, dass es im künstlerisch-kreativen Bereich viele gibt, die die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses als Freiheitsbeschränkung empfinden. Das sind eben die zwei Enden dieser ganz großen Bandbreite. Viele sind heute nicht mehr bereit, zu fixen Zeiten und Tagen im Büro zu sein. Es gibt schon auch das Bedürfnis nach einer Neuen Arbeit, und da befinden wir uns in einem Umbruch, der in Verteilungsfragen noch viel Handlungsbedarf schafft.

Das Lebensmotto der Protagonistin in Ihrer Geschichte ist: Herumjobben, bis was Großes kommt. Ist der Bachmannpreis für Sie etwas Großes oder kommt das Große erst?

Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, was noch Größeres passieren soll. Im Gegenteil ist es eher so, dass ich mir oft denke: Meine Güte, ich habe so viel Glück, hoffentlich kommt das nicht irgendwann alles ins Rutschen und bringt mich zu Fall. Mein Glück ist mir schon oft zur Seite gestanden, so oft habe ich mir schon gedacht: Ich habe das gesamte Glückspensum ausgeschöpft.

Sie haben als Entwicklungshelferin und Sozialarbeiterin gearbeitet. Woher kommt Ihre soziale Ader und was bedeutet Ihnen soziale Arbeit?

Dieses Wort würde ich nicht benutzen, weil „Entwicklungshilfe“ wirklich völlig unzutreffend ist. Bei meinen Auslandsaufenthalten bin ich jeweils ein paar Monate neben jemandem gestanden, der wirklich hart gearbeitet hat, habe zugeschaut und war nicht selten vollkommen erschüttert über die Wirklichkeit in der Welt, die ich bis dato nicht gekannt habe. Ich wollte immer das meiste aus meiner Zeit herausholen, und das hat als Jugendliche bedeutet, viel zu erleben und für andere hilfreich zu sein. Dass das mit dem hilfreich sein kompliziert ist, habe ich erst viel später begriffen. Heute betrachte ich selber solche Hilfen sehr kritisch, damals habe ich das auch schon getan, aber auf individueller Ebene, also für einen selbst, ist so etwas sicher lehrreich.

Salzburg ist eine Stadt, die gern das Große und Schöne inszeniert. Wie viel Armut gibt es hier? Und wie geht die Gesellschaft mit den Armen um?

Salzburg ist eine reiche Stadt. Trotzdem liegen im Winter Menschen auf Bänken. Viele sind arm und lassen sich nicht helfen, es ist für die meisten ein schwerer Schritt, Ausgleichszulage zu beantragen. Viele können von ihrer Arbeit nicht leben. Das alles sollte man nicht verschweigen, wenn man über Armut redet. Die Relation zum Rest der Gesellschaft spielt halt auch eine wichtige Rolle. Und wie man behandelt wird. Das Gefälle jedenfalls kann in Salzburg schnell sehr groß sein.

„Wer einmal gefallen ist, steht so schnell nicht mehr auf“ heißt es im Text. Wie schwer ist es, sich vom gesellschaftlichen Rand wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft tu kämpfen?

Ich denke, dass man sich nicht vorstellen kann, was Menschen erleben, die arbeitslos sind oder aus anderen Gründen nicht mehr mitmachen können. Es ist schlimm, wenn es ihnen nicht egal ist, und wenn es ihnen egal ist, auch. Und dann gibt es noch Lebensmodelle, die einen fast „automatisch“ an den Rand drängen, wie zum Beispiel Alleinerziehende-Sein. Da fehlen häufig nicht nur die finanziellen Ressourcen, sondern schnell auch das soziale und kulturelle Kapital. Hier müsste politisch eingegriffen werden, weil das strukturelle Probleme sind, die uns teuer zu stehen kommen, wenn diese -meist Frauen- älter werden, und arm.

Das einzige, was man sich auch in prekären Verhältnissen nicht nehmen lässt, sind die Träume. Welche Träume, welche Visionen haben sie?

Ich bin keine große Träumerin. Meistens habe ich ganz klare Ziele. Ich arbeite viel. Die Tage vergehen schnell. Die Frage nach einer Vision überfordert mich, aber wenn ich eine Vision hätte, wäre es vielleicht die: Einmal hat mir jemand gesagt: Man trifft keine Entscheidungen aus Angst. Das klingt vielleicht blöd, aber ich bin immer wieder in Situationen gekommen, wo ich genau daran gedacht habe. Ich wünsche mir also, mich, wenn es soweit ist, insgesamt mehr getraut als gefürchtet zu haben. Das wäre schon viel.

Birgit Birnbacher (geboren 1985 in Schwarzach im Pongau) ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie hat früh die Schule abgebrochen. Danach machte sie zunächst eine Lehre und leistete dann Freiwilligenarbeit in Äthiopien und Indien. Birnbacher studierte Soziologie und Sozialwissenschaften und arbeitet heute neben dem Schreiben als Soziologin im Gemeinwesen. Sie ist verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn.

Ihr zweiter Roman heißt „Ich an meiner Seite“ und erscheint voraussichtlich im März 2020 im Wiener Paul Zsolnay Verlag. Auch darin wird „humorvoll und empathisch von einem Außenseiter“ erzählt, sagt der Verlag, und der Frage nachgegangen, „was ein ‚nützliches‘ Leben ausmacht“.

 

FOTOS: ANDREAS KOLARIK, TEXT: MARKUS DEISENBERGER