Jedes Kind hat ein Talent. Manche aber haben davon eine ganze Menge. Sie gelten als hochbegabt. Vision.Salzburg hat drei solcher Wunderkinder besucht und gelernt: Die Bandbreite zwischen großer Bühne und Frustration, zwischen lauter Einsen und Schulrauswurf, ist enorm.

Curtis (14) kam im Alter von Zehn gemeinsam mit seiner Mutter aus Taiwan nach Salzburg, um am Mozarteum vorzuspielen. Dort wurde sein „vielversprechendes Talent“ auch erkannt, und er wurde ins Precolleg aufgenommen. Zusätzlich wird er über das Leopold Mozart Institut als Hochbegabter gefördert. Zum Klavier brachte ihn sein Vater. Der hatte die Idee, dass Curtis ein Instrument lernen solle, weil er schon als Zweijähriger Instrumente lustig fand. Zu spielen begann er bereits mit vier. Heuer beim weltberühmten Musikwettbewerb in Ettlingen belegte er in seiner Altersklasse den dritten Rang. Welcher Gradmesser das für eine künftige Karriere sein kann, ermisst man an der Tatsache, dass vor über zwanzig Jahren dort kein geringerer als Lang Lang den ersten Preis errang. Winkt eine Karriere als Starpianist? Prof. Andreas Weber, Beauftragter für Hochbegabungsförderung, winkt ab. Übertriebene Hoffnung sei nicht gut, sagt er. Man müsse vorsichtig sein. So recht glauben will man ihm aber nicht, spricht er doch über Curtis wie ein stolzer Vater über seinen Sohn. Im November spielt sein Schützling das Klavierkonzert Nr. 3 von Beethoven, und zwar mit dem Mozarteumorchester. „Eine große Ehre“, sagt Curtis, und nächstes Jahr schon tritt er zur Prüfung für das Bachelor-Studium an, die er, fragt man seinen Lehrer, auch locker bestehen wird. Bis dahin muss er so wie immer neben der Schule täglich zwischen vier und fünf Stunden übern. Da bleibt wenig Zeit für anderes. Was er einmal werden möchte? Gefeierter Konzertpianist? „Vielleicht“, sagt er. „Wäre nicht schlecht.“

Entschieden hat er sich aber noch nicht. Curtis spielt ja auch noch Geige, dirigiert und komponiert. Sein Lieblingskomponist ist Chopin. „Ich habe immer ein Gefühl, dass ich diese Musik ganz tief spüre, auf ganz besondere Art und Weise mit ihr verbunden bin.“ Heimweh nach Taiwan plagt ihn nur selten, allerdings vermisst er das taiwanesische Essen schmerzlich. „Zu viel Schnitzel“, lacht er. Vor allem Xialonbao, das sind spezielle gekochte Teigtaschen, fehlen ihm.

Amelies (15) Begabung wurde lange nicht bemerkt, weil auch der Bruder hochbegabt war und mit seiner Begabung wesentlich offensiver umging als sie. Bei ihr war es eine „normale Entwicklung“, erzählt ihre Mutter. Bis zur dritten Klasse Volksschule. Da bekam sie aus unerfindlichen Gründen plötzlich solche Kopfschmerzen, dass sie öfters abgeholt werden musste. „Oder sie stand weinend vor der Tür.“ Ein Ärztemarathon begann, der ergebnislos verlief, bis ihrer Mutter irgendwann auffiel, dass die Schmerzen immer dann auftraten wenn sie zur Schule musste oder in der Schule war oder. Die Vermutung: Überforderung. Der anschließende Test ergab jedoch das genaue Gegenteil: Unterforderung. Denn Amelie ist in nahezu allen getesteten Feldern hochbegabt. „Universaltalent“ nennt man so etwas.

Amelie versteht Zusammenhänge schnell und langweilt sich deshalb auch schnell. Ihr selbst war gar nicht bewusst, „dass das anderen schwerer fällt als mir“, erzählt sie. Die ewigen Wiederholungen nervten sie einfach so, dass sie Kopfschmerzen bekam. Es sei in etwa so, als müsse man sich als Erwachsener den gleichen Film zehn Mal hintereinander anschauen. „Manche beginnen dann zu stören, andere gehen“ – so wie Amelie – „eher nach innen“, erklärte der Psychologe. Heute geht Amelie in eine Montessori Schule. Die Lehrer dort gehen entspannt mit ihrer Begabung um, reagieren auf die Bedürfnisse. Sie arbeitet nach eigener Rhythmus, mit eigenem Plan. Das sei besser als die ganze Zeit nur dem Lehrer zuhören. Neben der Schule geht sie klettern und spielt in einer Band Gitarre und Schlagzeug. Außerdem singt sie. In welche Richtung es später einmal beruflich gehen soll, weiß sie noch nicht, aber „etwas mit Kindern oder Tieren am besten“. Und Abwechslung müsse es bringen. Denn die Routine, jeden Morgen ins Büro zu gehen und das genau Gleiche wie am Tag zuvor zu machen, empfindet sie als unerträglich. Tun wir zwar auch manchmal, aber meist aus anderen Gründe als Amelie.

Kilian (12) hat seinen Eltern früh sehr spezielle Fragen gestellt, etwa die: „Papa, wie schwer ist die Erde?“ Da gerät man als Elternteil schon einmal ins Schwitzen, außer man ist wie Kilians Vater Informatiker. Der merkte schnell, dass in seinem Sohn außergewöhnliches Talent schlummert. Kein Wunder: Wer sonst kann im Alter von sechs Jahren Wurzel ziehen? Seine Hochbegabung, die festgestellt wurde, als Kilian ins Gymnasium kam, geht allerdings mit einem leichten Asberger Syndom einher, einer Variante des Autismus, bei der Hochbegabungen nicht selten sind, soziale Interaktion und Kommunikation aber schwerfällt.

Die Schule bezeichnen seine Eltern deshalb als „eigenes Kapitel“. Im normalen Gym lief es so ab, erzählt Kilian, dass die Mathematiklehrerin ihm gleich beim Betreten der Klasse ein Blatt Papier mit extraschweren Aufgaben gab. Die hatte er aber schon gelöst, da war sie noch nicht einmal mit dem Klassenbucheintrag fertig. Aber sie hat auch noch 24 andere Schüler zu betreuen…  Die Folge: Unzufriedenheit. Darüber hinaus war für Kilian Lärm ein Problem, er führte zu Überlastung und stressbedingten Ausrastern. Die Folge waren zwei Schulrauswürfe – einmal in der Volkschule, einmal im Gymnasium. „Es war ein ewiger Kampf, eine schulische Lösung zu finden“, erzählen die Eltern. „Man findet sich schneller in der Sonderschule wieder als man glaubt.“ Und so kam es auch: Vorübergehend musste Kilian genau dorthin, was sich im Nachhinein aber als Glücksfall herausstellte, weil man dort die Kapazitäten hatte, um sich intensiv um ihn zu kümmern. Kilian gefiel es dort auch, nur „zu leicht war´s“, sagt er. Damals wurde er beim Kanguruh der Mathematik, einem bundesweiten Mathe-Wettbewerb, auf Anhieb Landessieger. Bei der Preisverleihung wunderte man sich nicht schlecht, als es hieß: „Sieger Land Salzburg: Kilian H. Schultyp: Sonderschule.“

Heute geht Kilian wieder ins Gymnasium. Die Aufnahmeprüfung schaffte er mit Leichtigkeit. Das Umfeld passt jetzt. Er hat den Freiraum, den er braucht, und kann sein Potenzial ausschöpfen, was man schon daran erkennt, dass er heuer beim Känguruh der Mathematik sogar Bundessieger wurde. Aber vielleiht noch wichtiger: Kilian nimmt am normalen Unterricht teil. Nebenbei spielt er leidenschaftlich gern Computerspiele, und geht neuerdings auch bouldern. Beruflich möchte er einmal etwas mit Computern machen. „Gibt es auch etwas, was er nicht so gern mag?“ fragen wir. Nach einigem Zögern antwortet er: „Geschichte.“ Mag vielleicht daran liegen, dass die logisch schwer zu erklären ist.

FOTOS: ANDREAS KOLARIK