Lieferte Mozart mit Idomeneo den Soundtrack zum Klima-Aktivismus?

Regisseur Peter Sellars sagt: Ja! Ein Gespräch über den Zorn des Meeres und die Zeichen der Zeit.

 

Eine der wichtigsten Figuren in Idomeneo ist Ilia. Als trojanischer Flüchtling hat sie alles verloren. Beginnt Idomeneo dort, wo Ihre letzte in Salzburg inszenierte Oper „La Clemenca di Tito“ endete: Im Chaos des Verlusts?

Die Parallelen sind sehr deutlich, ja. Erster Akt und erste Hälfte beider Opern ähneln sich, sind sogar fast gleich. Interessant zu sehen, wie zwei Opern, die zeitlich so weit auseinanderliegen, dennoch Mozarts beständige Interessen reflektieren. Man sieht ganz klar, was er denkt. Erneut benutzt er Frauen, um eine geschlossene Gesellschaft zu öffnen und zu sagen: Die Gesellschaft muss sich erneuern. Ilia und Elektra sind zwei Flüchtlinge – einmal von den Leuten, die den Krieg verloren und dann von denen, die den Krieg gewonnen haben. Mozart zeigt, dass auch die Gewinner verloren haben. Nehmen Sie Elektra: Ihr Vater war erfolgreicher Kriegsherr, wurde von seiner Frau ermordet. Ihre Schwester wurde geopfert. Sie selbst hat blutige Rache an ihrer Mutter genommen. Sieht so das Leben von Gewinnern aus? Musikalisch liegt ein starker Kontrast zwischen beiden, aber die Situationen, in denen sie sich befinden, ähneln einander sehr. Beide haben die Erfahrung völligen Verlustes gemacht und bringen das Versprechen von etwas Neuem. Jede der beiden Seiten hat komplett von vorne zu beginnen. Das zeigt Mozart und es ist sehr intensiv und bewegend.

 

Was können wir von diesen tief traumatisierten Menschen lernen?

Sie kommen aus dem Desaster. Wir beobachten sie dabei, wie sie ein neues Leben suchen. Hochmotiviert. Ein integres Leben mit einer besseren Perspektive. Typische Flüchtlingsschicksale. In den USA haben wir unzählige Leute, die im Krieg waren und ihre Depressionen mit Alkohol und Drogen bekämpfen. Und nehmen Sie den Krieg gegen den Terror: Niemand ist sicherer als vorher. Niemand hat diesen Krieg gewonnen. Eine neue Generation muss wirklich voranschreiten und die alte Generation, die in ihren Traumata und Lähmungen feststeckt, erlösen. Eine neue Generation, die entschlossen ist, eine bedeutsame Änderung herbeizuführen.

 

Mozart war 25 Jahre alt, als er die Oper schrieb. Im Vorfeld sagte er zu seinem Vater, es sei an der Zeit, dass man die junge Generation ans Ruder lasse. Ist Idomeneo das Werk eines zornigen jungen Mannes?

Die Musik, die er in dieser Zeit schrieb, ist durch ihre Intensität und Lebhaftigkeit erschütternd. Sie hat hohes Tempo und schockierenden Inhalt. Man kann ganz klar die Wut und die Ungeduld heraushören. Den Drang, voranzukommen.

 

Genau in dem Moment, in dem sich diese traumatisierte Generation zurücklehnen könnte, um durchzuatmen, realisiert sich eine Bedrohung, die noch größer ist als der hinter ihr liegende Krieg: Die Natur wendet sich gegen sie. Der Ozean ist wütend und tritt über die Ufer. Heute scheint der ganze Planet wütend auf uns zu sein, aber wir sind zu selbstzentriert, um die Zeichen zu erkennen und etwas dagegen zu tun. Ist das die Verbindung, die Sie herzustellen versuchen?

Mozart hat in Idomeneo ganz wundervolle Musik über den Zorn des Meers geschrieben. Der Ozean antwortet auf die Verletzungen eines moralischen Codes. Heute leben wir in einer Zeit, in der eine große Stadt durch einen Hurricane oder einen Tsunami einfach ausgelöscht wird. Diesen Monat haben Tornados ganze Städte in den USA zerstört, und das ist nicht mehr die Ausnahme, sondern das Regelmaß. Mozart hat den Spundtrack dazu geschrieben und ein Drama geschaffen, in dem die Auslöschung einer großen Stadt kein Zufall ist, sondern eine ganz klare und spezifische Botschaft in sich trägt. Das ist sehr real. Es ist nur unsere seltsame Generation, die nicht mehr imstande ist, diese Zeichen richtig zu lesen.

 

Wie schwer ist es, diese Erkenntnis auf der Bühne plausibel zu machen?

Mozart schrieb diese Musik, um Leute in Erstaunen zu versetzen. Was er dem Publikum bei der Premiere in München gab – die Musik, das Bühnenbild, das Ballett – war ein eindringliches und überwältigendes Gesamtkunstwerk. Es war darauf ausgerichtet, die Leute bis ins Mark zu erschüttern. Das war es, was er wollte. Und genau dorthin wollen wir in Salzburg auch. Etwas Lebendiges machen zu können, das einen ob seiner Gewalt erschaudern lässt, und das vor einem Publikum von Entscheidungsträgern, Leuten, die Einfluss haben, ist eine sehr spezielle Kombination.

 

In Idomeneo geht es auch darum, welche Opfer wir zu bringen bereit sind, um die Familie, die Gesellschaft oder die ganze Menschheit vor dem Untergang zu retten. Das eigene Kind umzubringen, ist wohl das größte Opfer, das man von einem Menschen verlangen kann. Welches Opfer werden wir bringen müssen, um den Planeten zu retten?

Zuerst einmal müssen wir unseren ökologischen Fußabdruck verbessern. Das ist keine Überraschung, denn das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert wahnsinnigen technologischen Fortschritts. Wir haben wunderbare Dinge erschaffen, aber uns zu wenige Gedanken über die Konsequenzen gemacht; darüber, ob es nicht doch andere Wege gibt, mit den Ressourcen dieses Planeten umzugehen als eindimensionalen Kapitalismus. Wie viel Nahrung immer noch auf dem Müll landet, wie viele Rohstoffe einfach verschwendet werden, ist schockierend. Wir müssen bessere Produktions- uns Vertriebssysteme entwickeln, um unsere Ressourcen auf intelligente Art und Weise zu nutzen und sie quer über den ganzen Planeten zu teilen. Das ist die Aufgabe der jungen Generation. Wir alle werden Opfer bringen müssen. Aber wenn wir diese Entscheidungen nicht treffen und keine Opfer bringen, werden wir den Planeten opfern.

 

Was macht Sie so positiv, dass wir es trotzdem schaffen? Und sind die jungen Leute auf der Straße, die protestieren, unsere einzige Hoffnung?

Das ist eine neue Generation, wie in Mozarts Idomeneo auch, die nicht herumsitzt, sondern eine Wende herbeiführen will. Das ist aufregend. Wir müssen diese jungen Leute willkommen heißen.

 

Manche Politiker fordern drakonische Strafen für die demonstrierenden Schüler. Einer, der sich vor die Schüler stellte, war der deutsche Fernsehphysiker Halald Lesch. Er sagte: „Ich bin auf Seiten der Schüler, weil sie etwas tun, was in dieser rechtstaatlich verfassten Gesellschaft weit in den Hintergrund getreten ist. Hinter all den ganzen institutionellen Fassaden, die wir aufgebaut haben, all den Sachzwängen, die immer wieder eine Rolle spielen, gibt‘s so einen Kern von Menschsein. Und dazu gehört Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und davon zu reden, was Wahrheit ist.“

 

Wow. Vielen Dank, dass sie das mit mir teilen.

 

Das klingt, als hätten Künstler und Wissenschaftler ein und dasselbe Ziel?

Nach langer Arbeit an Doctor Atomic (Oper von John Adams, für die Peter Sellars das Libretto schrieb) und einem zusätzlichen großen Projekt in Santa Fe mit Künstlern und Wissenschaftlern kann ich versichern, dass wir solidarisch sind und das müssen wir auch sein, schließlich leben wir am selben Ort. Unser gemeinsamer Job ist es, in die Zukunft zu schauen und die Zukunft zu sichern.

 

Für die letzten fünfzehn Minuten Musik in Idomeneo überwand Mozart seinen persönlichen Generationskonflikt, wenn man so will. Spielt das eine Rolle?

Unbedingt, ja. Beinahe jedes Wort im Libretto hat er brieflich mit seinem Vater abgesprochen. Für diesen Teil aber hat er keine Diskussion geduldet. Nach endlosem Hin und Her hat er sich gedacht: Schluss damit, jetzt schreiten wir zur Tat. It´s time for action. Die Musik ist deshalb wild, schnell, aufregend und voll überschäumender Kraft.

 

Choreograph Lemi Ponifasio stammt aus Samoa. Seine Tänzer sind Samoaner, Maori und Künstler aus Kiribati. Die Menschen von Kiribati wandern nach Neuseeland aus, weil das Meer bereits jetzt all ihr Ackerland mit Salz überspült. Wie wichtig war es Ihnen, Leute in den Schaffensprozess zu integrieren, die durch Klimakatastrophe bereits ihre Existenzgrundlage verloren haben?

Ungemein wichtig. Wir müssen den Leuten zuhören, die uns dringende Dinge zu erzählen haben, weil sie an der vordersten Front von den massiven Veränderungen betroffen sind. Zugleich waren die Griechen und Kreter sehr meerbezogenes Völker. Auch die Samoer haben eine kulturelle Tradition, die dem Meer sehr verbunden ist. So gelang es, eine direkte Verbindung zwischen den Völkern der Griechen und Kreter und dem Heute herzustellen.

 

Was macht sie so zuversichtlich, dass wir den Planeten nicht an die Wand fahren, sondern Mozarts Idee der Aufklärung und Entfaltung letztlich siegen wird?

Die meisten Leute machen doch tolle und wundervolle Dinge. Das Problem ist, dass wir die ganze Zeit nur über Donald Trump lesen, was aber, in Verhältnis zu dem, was in der Welt vor sich geht, uninteressant ist. Das Interessante ist die Generation, die uns weiterbringt. In Zeiten zu leben, in denen so viele nach vorne schauen und nach vorne wollen, ist unglaublich aufregend. Wir haben die Möglichkeiten und die Technologien. Was nötig ist, ist Ermächtigung und dass wir verhindern, dass die immer gleiche kleine Gruppe von Menschen darüber entscheidet, in welche Richtung wir uns entwickeln. Wir müssen das Mikro Leuten hinhalten, die mehr und Interessanteres darüber zu sagen haben, wo wir als Zivilisation morgen stehen wollen und wie die neue Gesellschaft aussehen soll.

 

Sie werden in der Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele über eine ökologische Gesellschaft sprechen. Ohne zu viel zu verraten: Worum wird es gehen?

Umweltthemen sind kulturelle Themen. In einem großen kulturellen Forum wie diesem müssen ökologische Fragestellungen bearbeitet werden – und zwar nicht nur als statistische Fragen, sondern als Lebensweg. Kultur ist nicht nur Dekoration, sondern die Antwort auf die Frage, wie wir alle leben wollen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: TAO RUSPOLI/MARIE NOORBERGEN, SF/ANNE ZEUNER, RUTH WALZ